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Politik gegen Medizin
Was Sie über neue Entwicklungen im Gesundheitswesen unbedingt wissen müssen
Liebe Patientinnen und Patienten, stellen Sie sich die folgende Situation vor: Die Bewohnerin eines 3-Zimmer-Appartements beauftragt einen Malermeister, ihre Wohnung neu zu streichen. Sie macht ihm klar, dass er für seine Arbeit in den ersten beiden Zimmern bezahlt würde, das dritte Zimmer müsse er umsonst streichen. Sie fordert einen sorgfältigen Anstrich mit einer modernen, hochwertigen Farbe. Der Anstreicher darf hierfür aber nicht mehr als 10 Liter Farbe verbrauchen – benötigt er mehr, so muss er die zusätzliche Farbe selbst finanzieren. Sie haben Recht, wenn Sie jetzt denken, so eine Situation sei unvorstellbar. Aber können Sie sich anstatt des Anstreichers einen Arzt, anstatt der Zimmer seine Patienten und anstatt der Farbe notwendige Medikamente vorstellen? Dann haben Sie eine ungefähre Vorstellung vom aktuellen Stand des deutschen Gesundheitssystems. Wie Sie vielleicht aus unseren Informationsschriften oder aus den Medien wissen, hat am Mittwoch, den 18. Januar 2006 erstmals eine bundesweite Demonstration der Ärzte stattgefunden. „Weniger Bürokratie und mehr Geld“ – so die Botschaft von Zeitung und Fernsehen – seien unsere Forderungen gewesen. Tatsächlich ist die Bürokratie in den letzten Jahren immer umfassender geworden. Sie fordert Zeit, die wir für die Versorgung unserer Patientinnen und Patienten besser gebrauchen könnten. Hinzu kommt, dass niedergelassene Ärzte in Deutschland im Schnitt ein Drittel ihrer Leistungen nicht vergütet bekommen. Aber das ist noch lange nicht alles. Ginge es uns Ärzten nur um weniger Bürokratie und um eine gerechte, an der Leistung orientierte Bezahlung, so hätten wir schon vor 10 Jahren protestieren müssen. Jetzt geht es vielmehr darum, dass wir Ärzte in unserer Behandlungskunst zunehmend eingeschränkt werden, weil das Gesundheitsministerium uns unter Androhung hoher Geldstrafen zum Einsparen von Medikamenten zwingen will – egal ob Sie als Patientinnen und Patienten auf diese angewiesen sind oder nicht. Die Medizin macht ständig Fortschritte und das ist gut so. Es ist der modernen Medizin zu verdanken, dass viele Leiden heute früher erkennbar und besser behandelbar sind. Für uns Ärzte ist es eine selbstverständliche Pflicht, mit dem Fortschritt in Diagnostik und Therapie Schritt zu halten, um Ihnen stets eine bestmögliche Behandlung zu gewährleisten. Im Rahmen einer globalen Qualitätssicherung gibt es für viele Erkrankungen verbindliche, international anerkannte ärztliche Therapierichtlinien, die wir bei unserer täglichen Arbeit berücksichtigen. Die Bundesregierung hat es dennoch für richtig befunden, für alle Fälle eine regelmäßige Fortbildung für Ärzte staatlich zu verordnen. Das erscheint überflüssig, stört aber nicht weiter. Hierauf aufbauend bieten die Krankenkassen – ebenfalls staatlich verordnet – strukturierte Behandlungsprogramme, sogenannte „Disease Management-Programme“ (DMP), zum Beispiel für Diabetiker oder Herzkranke an. Die Krankenkassen werben für sich mit unserer Kompetenz und bieten den Patienten, die sich in diese Programme einschreiben, die „Sicherheit, dass Ihre Therapie nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen“ erfolge (Originalzitat aus dem Faltblatt einer großen deutschen Krankenkasse). Was die Krankenkassen Ihnen jedoch verschweigen, ist die Tatsache, dass diese moderne (und notwendige) Therapie gar nicht ausreichend finanziert wird! Die lückenlose Umsetzung einer modernen Therapie – so wie die Krankenkassen sie anpreisen und wie wir Ärzte sie selbstverständlich durchführen wollen und müssen – hat in der Vergangenheit naturgemäß zu entsprechenden Kosten geführt. Diese sollen jetzt eingespart werden – so lautet die Entscheidung des Bundesgesundheitsministeriums. Nun sitzen die verantwortlichen Politiker natürlich nicht an der Quelle und können die Ausgaben im Gesundheitssystem nur bedingt kontrollieren. Also haben sie den Sparauftrag an uns Ärzte übertragen und als Druckmittel Geldstrafen und Honorarkürzungen angedroht. Ein entsprechender Erlass ist seit dem 1. Januar 2006 gültig. Diese neue Situation bedeutet unweigerlich eine Gefährdung der modernen Medizin und damit einer sicheren Patientenversorgung. Auf der anderen Seite ist die wirtschaftliche Existenz vor allem kleinerer Arztpraxen im Falle weiterer Honorarkürzungen ernstlich bedroht. Vor dem Hintergrund steigender Ausgaben und ohnehin schon immer geringerer Honorare wäre das eine fatale Entwicklung – für die betroffenen Ärzte und deren Angestellten und natürlich auch für deren Patientinnen und Patienten. Die Situation wirkt auf jüngere Ärztinnen und Ärzte so abschreckend, dass diese lieber ins Ausland abwandern, als in einem deutschen Krankenhaus zu arbeiten oder gar die Praxis eines älteren Kollegen zu übernehmen. Was können wir tun? Es ist Zeit, gegen die aktuellen Entwicklungen im Gesundheitssystem aktiv zu werden. Wir können und wollen uns die Versorgung unserer Patientinnen und Patienten nicht von der Politik aus der Hand nehmen lassen. Das ist der Grund, warum am 18. Januar fast 90 % aller Arztpraxen in Nordrhein-Westfalen und immerhin gut die Hälfte aller Praxen bundesweit geschlossen waren und ein erster Aktionstag veranstaltet wurde. Über 20.000 Ärztinnen und Ärzte haben sich in Berlin eingefunden, um vor dem Gesundheitsministerium zu protestieren – für mehr Medizin und weniger Politik, gegen Sparmassnahmen auf Kosten Ihrer Gesundheit und unserer Existenz. Die Gesundheitsministerin zeigte sich davon wenig beeindruckt, behauptete sogar, die ärztliche Selbstverwaltung habe doch eigentlich alles in der Hand. Das ist von der Wahrheit natürlich weit entfernt, das Gesundheitsministerium ist es doch, das die mittlerweile unzumutbaren Rahmenbedingungen für diese sogenannte Selbstverwaltung stellt. Weitere Aktionstage sind erforderlich und werden geplant (wir werden Sie zeitnah gesondert informieren). Unsere Praxis setzt sich in besonderem Masse dafür ein, dass wir Ihnen auch in Zukunft eine moderne, sichere Diagnostik und Therapie nach international anerkannten wissenschaftlichen (und nicht sparpolitischen) Erkenntnissen gewährleisten können. Aufgrund der drohenden Geldstrafen (im existenzgefährdenden Bereich) sind wir Ärzte derzeit jedoch entsprechend der uns auferlegten Reglementierungen zunächst einmal gezwungen bei der Verordnung von Medikamenten und Heilmitteln (z.B. Krankengymnastik) zu sparen. Die gesetzlichen Bestimmungen sehen derzeit vor, dass wir für einen Rentner Medikamente im Wert von bis zu 130 €, für einen Nicht-Rentner von nur bis zu 30 € verordnen dürfen. Zum Glück bleibt uns als Praxis mit relativ großer Patientenzahl noch die Möglichkeit, gewisse Ausgleiche zu schaffen. Wir garantieren Ihnen weiterhin eine moderne Diagnostik und Therapie nach wissenschaftlich fundierten, international anerkannten Qualitätsrichtlinien in unserem Fachbereich. Dieser Fachbereich umfasst die Allgemeinmedizin und das große Gebiet der Inneren Medizin. Dafür sind wir jedoch zu einigen Änderungen gezwungen, die uns und Ihnen helfen sollen, die aktuell schwierige politische Situation zu überbrücken und dennoch die Qualität unserer Medizin zu erhalten:
- Die Verordnung einiger spezieller Medikamente aus anderen Fachbereichen, zum Beispiel aus der Urologie, Orthopädie oder Neurologie, müssen wir den entsprechenden Fachkollegen überlassen. Wenn Ihnen beispielsweise ein Urologe oder Gynäkologe ein bestimmtes Medikament empfiehlt, dann muss er Ihnen dies auch zukünftig weiter verordnen. Dies betrifft aber nur einen Teil von Medikamenten.
- Originalpräparate müssen gemäss Bestimmung der Bundesregierung gegen die wirkstoffgleichen sogenannten Generika preiswerter Pharma-Anbieter ausgetauscht werden. Wir sorgen jedoch dafür, dass Sie hierbei in jedem Fall weiterhin den gleichen Wirkstoff mit der gleichen Wirksamkeit und Verträglichkeit erhalten, so dass Ihre Therapie nicht gefährdet ist. In jedem Einzelfall werden wir Sie gesondert informieren.
- Krankengymnastik kann zukünftig nur noch in besonderen Fällen und dann auch nur einmalig verordnet werden, denn auch hier steht uns von Seiten der Kassen nur noch ein geringes Verordnungsvolumen zu.
- Wir empfehlen allen Patientinnen und Patienten mit Diabetes mellitus und/oder einer koronaren Herzkrankheit (KHK), sich in die entsprechenden strukturierten Behandlungsprogramme (DMP) der Krankenkassen einzuschreiben, um somit eine zusätzliche Rechtfertigung für die Verordnung hochwertiger Medikamente zu haben (bitte beachten Sie hierzu auch unser entsprechendes Informationsblatt).
Mit den genannten Änderungen und den noch geplanten Aktionstagen wollen wir die Durchsetzung von modernen, Ihrem Krankheitsbild angemessenen Therapierichtlinien in unserer Praxis bewirken. So setzen wir uns ein für mehr Gerechtigkeit im Gesundheitswesen und für eine auch in Zukunft sichere Versorgung unserer Patientinnen und Patienten – und wir bitten Sie, uns dabei zu unterstützen. Ihr Praxisteam
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